beta 
Thema
thema [ Porträt: Nine Wegener | Seifenherstellung ]

Thema: Alltag ist wie Afrika
1-2-3

Barbara Tietze ist Professorin für Angewandte Komfortforschung in der Fakultät Gestaltung an der Hochschule der Künste in Berlin und lebt u.a. in Vietze in einem ehemaligen Gasthof. Angelika Blank sprach mit ihr über ihr Projekt "Seifenwerk"

wendlandkontor: Barbara, Du machst Design. Wie bist du darauf gekommen, Seife zu machen?

barbara tietze: Oh, Seife ist wahnsinnig gestaltbar. Seife ist zunächst mal auch ein kulturelles Objekt. Dieser Alltag ist ja nicht einfach so überschaubar, sondern es ist ja auch so etwas wie Afrika, wo man zu überraschenden Beobachtungen kommt, wenn man genau hinguckt. Das ist der eine Aspekt der Seife. Wir sehen plötzlich ganz viel, was wir vorher nicht gesehen haben... Und das ist auch Designwissenschaft.

Aber darüber rede ich jetzt nicht, sondern über die Gestaltbarkeit der Seife. Sie läßt sich in der Form, in der Rezeptur, in der Verpackung gestalten. Also da gibt es ganz viel, was nach Einordnung in verschiedene Lebenszwecke und nach Gestaltung schreit.

Als die Filzmanufaktur in Lenzen/Elbe, die ich aufgebaut hatte, lief und ich dort nicht mehr gebraucht wurde, habe ich gedacht, ich mache jetzt mal etwas ganz Neues. So fing das mit der Seife an.

wendlandkontor: Nun stellt man sich unter einem Seifenwerk eine hochtechnisierte Anlage mit Maschinen und Laboren vor, hier sehe ich aber nur eine riesengrosse Küche und einen wunderschönen alten Ballsaal mit Konzertflügel und Wandmalereien?

Barbara Tietze: Wir sind ja kein Gewerbe, wir sind ein Projekt. Ich arbeite hier mit meinen Studenten von Semester zu Semester an immer wieder neuen Seminaren und Themenstellungen.

Das ist genau das Ding: industriell gefertigte Seifen werden mit grossen Maschinen gefertigt. Daß die Seife einfach so kalt gerührt werden kann, das ist eine Entdeckung der amerikanischen Hippieszene. Ich habe das Seifemachen in Hornby Island/Kanada gelernt, wo ich auch das Filzen erlernt habe. Das Raffinierte ist: man braucht keine hochtechnisierte Ausstattung dafür, man braucht das Know How.

wendlandkontor: Woraus besteht denn Deine Seife?

Barbara Tietze: Meine Seife besteht aus einer Lauge und reinem Olivenöl. Das ist im Prinzip auch die Seife, die damals in Amerika Colleen Work, unsere Lehrerin - die "Queen of soapmaking" - entwickelt hat. Sie hat uns ihre Geheimnisse verraten.

wendlandkontor: Aber arbeitest Du nicht auch mit solchen Industrieseifen, die Du selbst gar nicht gut findest, wenn Du diese durchsichtigen Kunstwerke machst?.

Barbara Tietze: Da hast Du recht. Das ist so ein künstlerisch-wissenschaftliches Experiment, ein psychologischer Exkurs in Sachen Selbsterfahrung. Ich mache das im Rahmen der Kulturellen Landpartie. Da bin ich zusammen mit Elke Kuhagen und Mareike Scharmer nach Salderatzen eingeladen worden. Der Rahmen, der uns dort von Heinz Laing und Johannes Spieker vorgegeben wurde, ist das Thema "Botschaften". Meine Botschaften habe ich in farbige durchsichtige Seifen gegossen. Ich beschäftige mich seit längerem mit Farbe und unserer Verführbarkeit durch Farbe.

Tatsächlich sind wir alle Opfer unserer Chemiekultur, die uns eine Farbigkeit für normal halten lässt, die mit Sicherheit problematisch ist. Wir sehnen uns nach diesen Farben, die häufig ein hochgiftiges Abfallprodukt chemischer Prozesse sind. Die vielen Farben, mit denen wir uns umgeben, sind auch so etwas wie ein Verklappungsersatz. Das erste Mal, dass ich das realisiert habe, war, als wir die Filzmanufaktur in Lenzen aufgebaut haben. Da ist mir aufgefallen, wie schwer es ist, gegen die Chemiekultur zu arbeiten. Eine ökologische Farbigkeit ist immer unökonomisch, sie ist immer unbeständig und deshalb nie museal und nie wertbeständig. Sie erfordert eine Wahrnehmungssensibilität, die man sich immer wieder neu erarbeiten muss und für die wir auch werben müssen. Das interessiert doch sonst keinen. Und nicht allein unsere Kunden sind für die grelle Farbigkeit anfällig sondern auch wir selbst. Das gilt übrigens auch für die Düfte. Also habe ich mich wieder einmal auf die Chemie eingelassen, um in der Selbsterfahrung zu begreifen, was ich "vermisse", wenn ich ökologisch arbeite und auf was ich mich einlasse, wenn ich meinen Sehnsüchten nach dem Grellen nachgebe. Neulich hatte ich einen Blauschock. Heute hatte ich einen Nivea-Riechschock. Beide Male war mir richtig schlecht. Das passiert mir mit meinen Oekoseifen nie.

Man sagt, dass Kunst und Wahnsinn ganz dicht beieinander liegt. Das liegt daran, dass die alten Künstler sich an ihren Farben und Materialien häufig vergiftet und dann etwas wahnhaft reagiert haben. So ist eine der typischen Künstlerkrankheiten die Bleivergiftung. Eine für den Verstand von Zeit zu Zeit außerordentlich ungünstige Konstellation. Ich bin froh, dass ich mit meinem "Kunstprojekt" jetzt fertig bin. Meine Seifen habe ich alle in Zellophan verpackt. Da drin sind sie auch am besten aufgehoben. Ich hoffe, dass ich vor Ort die Schizophrenie meines Projektes vermitteln kann und dass sich meine Kunden von beiden Seifen anregen lassen und begreifen, dass wir durch unsere visuellen und olfaktorischen Sehnsüchte ganz schön fehlgeleitet werden. Meine Botschaft ist insofern auch eine Ermahnung....

weiter >>

 


7fb2a43298   agb | impressum